Datenhoheit statt Vendor Lock-in – warum Kliniken jetzt ein Datenfundament brauchen I Joachim Neugebauer, vitagroup
Wem gehören eigentlich die Daten im Krankenhaus? Joachim Neugebauer, Chief Commercial Officer der vitagroup und früherer Klinikmanager, spricht in der neuen Diagnose:Zukunft-Folge über Datensouveränität als strategische Frage im KI-Zeitalter.

Wem gehören eigentlich die Daten im Krankenhaus? Die Frage klingt technisch, ist aber eine der strategischsten überhaupt – spätestens seit KI-Anwendungen in den Klinikalltag einziehen und dabei auf eines angewiesen sind: verfügbare, strukturierte, herstellerunabhängige Daten.
In der aktuellen Folge von Diagnose: Zukunft spricht Maximilian Greschke, CEO von Recare, mit Joachim Neugebauer, Chief Commercial Officer der vitagroup. Neugebauer kennt beide Seiten des Tisches: Zehn Jahre hat er Kliniken gemanagt – unter anderem bei Helios und als Geschäftsleiter eines onkologischen Klinikverbunds in Essen –, heute verantwortet er die Health Intelligence Platform (HIP), eine offene Gesundheitsdatenplattform auf Basis von FHIR und openEHR.
Das übersehene strategische Thema
Datensouveränität stand lange nicht auf der Agenda von Klinikgeschäftsführungen – aus einem einfachen Grund:
Ein Klinikgeschäftsführer oder eine Klinikgeschäftsführerin hat bis dato vielleicht gar nicht über Datensouveränität nachgedacht, weil sie auch nicht über die Datennutzung nachgedacht haben.
Das ändert sich gerade fundamental. Mit KI entstehen erstmals Anwendungen, die unmittelbar auf den Daten des Hauses aufsetzen – und damit wird die Frage, wer über diese Daten verfügt, zur Chefsache. Maximilian Greschke formuliert es so:
Ich glaube, dass wir an einem Punkt sind, wo Souveränität – im Sinne davon, dass Kliniken frei über ihre Daten verfügen können – strategisch wichtiger ist als jemals zuvor für die Häuser.
Die Realität sieht allerdings ernüchternd aus: Mindestens ein Drittel der Kliniken sei beim Thema Daten noch „extrem unbedarft“, schätzt Neugebauer – trotz KHZG und Digitalradar.
Datenintegration: das dickste Brett
Wer seine Daten nutzen will, muss sie erst einmal zugänglich machen. Und genau hier liegt die Mühsal der Ebene:
Let's face it, das ist eines der dicksten Bretter, die man bohren muss, wenn es ums Thema Datennutzung und Datenverfügbarkeit geht.
Zwar gilt FHIR längst als Standard – in der Praxis kommen die meisten Daten aber weiterhin über HL7v2 aus den Systemen. Immerhin: Beim aufwendigen Daten-Mapping wird KI gerade zum Gamechanger und beschleunigt, was früher wochenlange Handarbeit war.
Das Geschäftsmodell des Einmauerns
Warum sind Klinikdaten überhaupt so schwer zugänglich? Neugebauers Antwort fällt deutlich aus – sie beschreibt das Geschäftsmodell mancher Systemanbieter:
Ich mauere die Daten ein in meinem System und mache den Wechsel eines Kunden von einem System zum anderen möglichst schwer. Dass das kein cooles Geschäftsmodell ist und auch nicht tragfähig in der Zukunft, glaube ich, da kann man sich schnell einigen.
Was das konkret kostet, zeigen Beispiele aus dem Gespräch: 30.000 Euro für eine einzelne Systemintegration, bis zu 20.000 Euro für einen parametrisierten Aufruf – im Kern ein Link – und Wartezeiten von bis zu sechs Monaten allein für die Beauftragung einer Schnittstelle. Geld und Zeit, die weder bei Patient:innen noch bei Mitarbeitenden ankommen.
Die Zukunft des KIS: Abrechnungsmaschine statt Monolith
Konsequent weitergedacht stellt sich die Frage, welche Rolle das Krankenhausinformationssystem künftig noch spielt. Neugebauer zitiert dazu den früheren CIO der Sana-Kliniken – das KIS werde künftig „noch die Abrechnung sicherstellen“ – und legt selbst nach:
Die Frage ist, wird das KIS noch das datenführende System sein? Und da sage ich und sagen wir ganz klar nein. Es wird nicht mehr diesen Vollmonolithen geben, der versucht, alles abzubilden.
Seine Prognose: Innerhalb von etwa fünf Jahren löst sich das klassische Geschäftsmodell auf – zugunsten eines Ökosystems aus spezialisierten Lösungen auf einem gemeinsamen Datenfundament. Die Architektur dahinter ist das Grundprinzip der vitagroup:
Das ist bei uns ein Grundprinzip, diese klare Trennung der Datenebene von der Anwendungsebene. Denn dadurch entsteht diese Herstellerunabhängigkeit, die wir predigen.
Was mit einem Datenfundament möglich wird
Wie konkret der Nutzen ist, zeigen die Use Cases aus dem Gespräch: KI-gestützte Arztbriefschreibung („wofür natürlich auch niemand Medizin studiert hat, dann da zum Archivar zu werden“), standortübergreifende Telekonsile, regionale Tumorboards – und ein Health Data Hub, der die Daten von über 70 Kliniken für Forschung und klinische Studien nutzbar macht.
Das eindrucksvollste Beispiel kommt aus Katalonien: Dort hat die vitagroup mit Partnern die regionale Gesundheitsakte für acht Millionen Einwohner:innen auf Basis der HIP ausgerollt – die Basisinfrastruktur stand nach 18 Monaten. Während Deutschland noch über die Befüllung der ePA diskutiert, geht es dort längst um KI-gestützte Risikostratifizierung. Neugebauers Fazit:
Es ist kein Anspruch auf Perfektion, sondern schnell zu sein. Schneller im Fehlermachen, daraus lernen, nachjustieren, besser machen.
Zwei Ebenen, ein Kreislauf: Recare und vitagroup
Im Gespräch wird auch die Logik der Partnerschaft zwischen Recare und der vitagroup greifbar. Maximilian Greschke beschreibt sie als Zwei-Ebenen-Modell: unten die herstellerunabhängige Datenplattform, darüber die klinische KI-Ebene, die reale Workflows automatisiert.
Der Clou liegt im Kreislauf: KI-Lösungen wie Recare Voice und Recare Docs erzeugen strukturierte Dokumentationsdaten direkt am Point of Care – und speisen sie in die Datenplattform zurück. Statt neuer Silos entsteht ein zirkulärer Datenfluss, von dem jede weitere Anwendung profitiert. Bewusst ohne Vendor Lock-in: Die Daten gehören der Klinik, nicht dem Anbieter.
Jetzt reinhören
In der vollständigen Folge sprechen Maximilian Greschke und Joachim Neugebauer außerdem über den Kulturwandel beim Wechsel vom Krankenhaus zur Industrie, über die Frage, warum ein Top-Onkologe an der Trägheit der Systemanbieter verzweifelte – und darüber, warum das Entlassmanagement der Zukunft agentisch wird.
Hier geht's zur Folge – auf allen gängigen Podcast-Plattformen und als Video auf YouTube.
Jetzt Podcast über Apple, Spotify oder die bevorzugte Plattform abonnieren
Sie finden unseren Podcast auf allen gängigen Plattformen – einfach „Diagnose: Zukunft“ in die Suche eingeben, abonnieren und keine Folge mehr verpassen. Alternativ können Sie direkt über die folgenden Links zu Ihrem bevorzugten Portal springen:
Häufig gestellte Fragen
Name
Unternehmen
Impluse mitnehmen. Nächste Schritte planen.
Setzen Sie KI dort ein, wo sie echten strukturellen Mehrwert schafft. Wir begleiten Sie dabei.





