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Krankenhaus
20.10.2026

Robotik im Krankenhaus: Warum nicht der Roboter, sondern die Orchestrierung entscheidet

Ariane Schmidt
•
4
min. lesezeit

Wer im Krankenhaus nach Robotik fragt, hört meistens denselben Namen: da Vinci. OP-Roboter sind verbreitet und verbessern Eingriffe. Wirtschaftlich entlasten sie ein Haus aber kaum. In Folge 26 von „Diagnose: Zukunft“ verschieben Marco Brizzolara und Johannes Drexler, die Gründer von Elvio Robotics, den Blick: weg vom OP, hin auf den Flur. Dorthin, wo Wäschewagen, Blutproben und Speisetabletts unterwegs sind und wo vielerorts das Personal fehlt.

Das Thema kurz und kompakt

Der Mehrwert liegt auf dem Flur: Reinigung, Kleintransporte und Wagenlogistik entlasten ein Krankenhaus wirtschaftlich stärker als der OP-Roboter.

Ein einzelner Roboter ist eine Insellösung: Erst eine Orchestrierungsschicht macht aus Geräten verschiedener Hersteller einen verlässlichen Prozess, inklusive Service bei Ausfällen.

Die Infrastruktur ist die eigentliche Arbeit: Aufzüge, Türen, WLAN und Stellflächen entscheiden über den Erfolg, nicht der Roboter selbst.

Klein anfangen statt groß ausschreiben: Zwei bis vier Roboter, ein Mietmodell und Schritt für Schritt statt zwanzig Geräte auf einmal.

Die beiden kennen Robotik aus sehr unterschiedlichen Richtungen. Marco Brizzolara hat in China für Horizon Robotics und später für TikTok gearbeitet und war danach bei McKinsey auf Tech-Transformationen spezialisiert. Johannes Drexler hat Robotik an der TU München studiert, war bei der Boring Company in den USA und bei der Boston Consulting Group. 2026 haben sie Elvio gegründet. Im Gespräch mit Recare CEO Maximilian Greschke ziehen sie drei Schlüsse, die für Klinikleitungen wichtig sind.

1. Der Mehrwert liegt in den einfachen, repetitiven Aufgaben

Reinigungsroboter sind für die Gründer ein „No-Brainer“: Die Technologie ist ausgereift und hat sich in Supermärkten, Kaufhäusern und an Flughäfen bewährt. Große Hersteller verkaufen nach ihren Angaben 30.000 Geräte pro Jahr. Gleichzeitig rücken Kleintransporte in den Fokus, etwa Blutproben und Medikamente in Häusern ohne Rohrpost, dazu Speise-, Wäsche- und Müllwagen. Als nächster Schritt folgt die Patientenbegleitung, zum Beispiel mit einem selbstfahrenden Rollstuhl, der Patientinnen und Patienten zur Behandlung bringt.

Dass Robotik gerade jetzt in die Breite geht, hat zwei Gründe. Die Roboter können inzwischen Aufzug fahren, Türen öffnen und Menschen ausweichen. Und KI beschleunigt die Entwicklung der Software, die sie in den Klinikbetrieb einbindet. Die starren fahrerlosen Transportsysteme früherer Jahre lohnten sich nur in großen Häusern mit hohen Volumina.

2. Ein einzelner Roboter ist eine Insellösung

Für jeden Anwendungsfall gibt es einen spezialisierten Hersteller. Wer mehrere Prozesse automatisiert, hat schnell einen „ganzen Zoo an Robotern“ im Haus. Und für die meisten Hersteller ist das Krankenhaus nicht der wichtigste Markt. Die eigentliche Herausforderung ist deshalb nicht der Roboter, sondern die Integration: Ein Lager, in dem niemand unterwegs ist, ist etwas anderes als ein Klinikflur mit Pflegekräften, Besuch und Patientenbetten.

Elvio baut deshalb keine eigenen Roboter, sondern die Orchestrierungsschicht darüber. Die Plattform koordiniert die Geräte untereinander, zeigt in Echtzeit, wo jeder Roboter steht, und stellt den Stationen Oberflächen bereit, über die Pflegekräfte einen Transport anfordern. Ebenso wichtig ist für die Gründer der Service. Wer Personal in einem Prozess umplant und dann wochenlang auf eine Reparatur wartet, „hat den Salat“, heißt es im Gespräch. Viele Kliniken hätten versucht, Robotik selbst einzuführen, und seien daran verzweifelt.

3. Die Infrastruktur ist die eigentliche Arbeit

Vor jedem Einsatz stehen ein Business Case und mehrere Monate Implementierung gemeinsam mit Technik und IT. Aufzüge müssen angebunden, Türen automatisiert, WLAN ausgeleuchtet werden. Manche Anbieter verlangen für die Automatisierung eines Aufzugs 50.000 Euro, sagen die Gründer, es gehe aber deutlich günstiger. Bei der Cybersicherheit setzt Elvio auf lokale Netze: Die Roboter kommunizieren nicht mit dem offenen Internet, sondern nur über freigegebene Ports mit der Plattform.

Für Neubauten nennen die beiden vier Punkte: Stellfläche mit Frisch- und Abwasser für Reinigungsroboter, Aufzüge abseits der Patientenströme, Türen mit Anbindung an die Gebäudeleittechnik und flächendeckendes WLAN. Der Engpass sei fast immer der erste Punkt. Kliniken sind groß, haben aber keinen Platz.

Was das für Krankenhäuser heißt

Klein anfangen statt groß ausschreiben. Elvio startet in der Regel mit zwei bis vier Robotern. Zwanzig Geräte auf einmal würden einen laufenden Betrieb überfordern und die Akzeptanz kosten. Starre Ausschreibungen und bürokratische Förderprogramme passen schlecht zu diesem Vorgehen. Marco Brizzolara macht deshalb aktuell einen Bogen um Fördermittel und setzt auf ein monatliches Mietmodell aus den operativen Budgets der Häuser.

Akzeptanz entsteht im Betrieb. Skepsis gibt es, vor allem am Anfang. Sobald ein Roboter zuverlässig läuft, kippt sie oft ins Gegenteil: Ein Krankenhaus hat seinen Roboter „Helene Fischer“ getauft, in einem anderen heißt die zuständige Mitarbeiterin inzwischen nur noch „Mama der Roboter“.

Humanoide kommen, aber nicht zuerst ans Patientenbett. Johannes Drexler erwartet humanoide Roboter in rund zwei Jahren in kontrollierten Bereichen wie der Zentralsterilisation. Bis sie mit Patientinnen und Patienten arbeiten, dauere es länger. Langfristig sehen beide darin den größten Sprung, weil unsere Gebäude für die menschliche Form gebaut sind.

Und Europa?

Bei Reinigungs- und Logistikrobotern liegen asiatische Hersteller vorn, das sagen die Gründer offen. Kliniken wählen den besten Roboter, und der kommt derzeit selten aus Deutschland. Optimistisch stimmen sie die jüngsten Finanzierungsrunden deutscher Robotikunternehmen und das Engineering-Talent, das gerade aus der Autoindustrie frei wird. Oder, wie es am Ende des Gesprächs heißt: „Das liegt jetzt in unserer Hand.“

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Häufig gestellte Fragen

Welche Aufgaben im Krankenhaus eignen sich heute für Roboter?
Vor allem repetitive Tätigkeiten: Reinigung, Kleintransporte wie Blutproben und Medikamente, der Transport von Speise-, Wäsche- und Müllwagen sowie als nächster Schritt die Patientenbegleitung. OP-Roboter verbessern die Behandlungsqualität, entlasten ein Haus wirtschaftlich aber kaum.
Warum brauchen Kliniken eine Orchestrierungsplattform für Roboter?
Für jeden Anwendungsfall gibt es spezialisierte Hersteller. Wer mehrere Prozesse automatisiert, betreibt Geräte verschiedener Anbieter. Eine Plattform koordiniert sie untereinander, zeigt in Echtzeit ihren Standort und bindet die Stationen über eigene Oberflächen ein.
Welche Infrastruktur braucht ein Krankenhaus für Serviceroboter?
Angebundene Aufzüge, automatisierte Türen, flächendeckendes WLAN und Stellflächen zum Parken und Laden, bei Reinigungsrobotern mit Frisch- und Abwasser. Laut den Gründern von Elvio Robotics ist fehlender Platz bei Neubauten der häufigste Engpass.
Wann arbeiten humanoide Roboter in deutschen Krankenhäusern?
Johannes Drexler erwartet sie in rund zwei Jahren in kontrollierten Bereichen ohne Patientenkontakt, etwa in der Zentralsterilisation. Bis humanoide Roboter mit Patientinnen und Patienten arbeiten, dürfte es deutlich länger dauern.
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