Digitale Souveränität im Krankenhaus: Warum Rechenleistung die eigentliche Engstelle ist
Es gibt einen Satz in Folge 25 von „Diagnose: Zukunft", der hängen bleibt. Gottfried Ludewig erzählt vom Rechenzentrum, das die Deutsche Telekom Anfang des Jahres in München gebaut hat: fünf Monate Bauzeit, eine Milliarde Euro, sieben Stockwerke unter der Erde, 10.000 Nvidia-GPUs. Und dann: „Mit diesen 10.000 GPUs haben wir mal kurz die Rechenkapazität in Deutschland um 50 Prozent erhöht." Man kann das als Nachholbedarf lesen. Man kann es auch so lesen, wie Ludewig es meint: Es bewegt sich gerade sehr viel auf einmal.
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Das Thema kurz und kompakt
Rechenleistung ist der Engpass: Ein einzelnes Rechenzentrum mit 10.000 GPUs hat Deutschlands Rechenkapazität um 50 Prozent erhöht – und ist bereits fast ausverkauft.
Saubere Daten sind keine Vorbedingung mehr: Aktuelle Modelle arbeiten gut genug mit unstrukturierten Beständen, dass die Strukturierung ans Ende des Prozesses rutscht – und dort von der KI übernommen wird.
Der Druck wirkt als Treiber: Demografie, GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz und eine verschärfte Cyberlage treffen gleichzeitig ein – und erzeugen erstmals die Veränderungsbereitschaft, die jahrelang gefehlt hat.
KI gehört auf die Geschäftsführungsebene: Wer das Thema an die IT-Leitung delegiert, behandelt eine Prozessfrage als Technikfrage.
Ludewig kennt das Gesundheitssystem aus drei Perspektiven: Er hat die Digitalisierung im Bundesgesundheitsministerium mitgestaltet, verantwortet heute als Senior Vice President das Geschäft Health Industry bei T-Systems und Public Sector bei der Deutschen Telekom und sitzt seit Anfang 2026 im Aufsichtsrat der Alexianer. Im Gespräch mit Recare-CEO Maximilian Greschke beschreibt er ein System, das sich seiner Einschätzung nach so stark verändern wird wie seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr – und er sagt ausdrücklich, dass er sich darauf freut.
Souveränität ist eine Infrastruktur-, keine Modellfrage
In der Debatte um digitale Souveränität geht es meist um Modelle. Ludewig verschiebt den Fokus: Bei Modellen gebe es dank offener Gewichte aus China für den Großteil der Aufgaben inzwischen brauchbare Alternativen. Die eigentliche Engstelle sei die Verfügbarkeit von Rechenleistung – bis hin zu Rahmenbedingungen, über die selten gesprochen wird: Strompreise und Kühlung, bei denen Deutschland im Vergleich zu den Nordics, Frankreich oder dem arabischen Raum das Zwei- bis Vierfache zahlt.
Seine zentrale These dazu ist optimistisch: Es fehlt weder an Kapital noch an Köpfen. Die gesetzliche Krankenversicherung gibt inzwischen rund 280 Milliarden Euro pro Jahr aus, Tendenz Richtung 300 Milliarden. „Dann kann mir keiner erzählen, dass wir nicht das Geld hätten, eine Infrastruktur hinzustellen, die modernsten Standards entspricht." Und deutsche und europäische Spitzenforscher trifft man laut Ludewig rund um den Globus: „Es liegt nicht an den Köpfen. 100 Prozent nicht."
Was ihn stört, ist die Mittelverwendung. Beim Krankenhaus-Transformationsfonds sei die Zielsetzung richtig, das Verständnis davon, wie das Ziel erreicht wird, aber „ein bisschen 2000er oder 1990er Jahre denken" – noch immer viel von Betten, Standorten und Beton.
Die saubere Datenbasis ist keine Vorbedingung mehr
Die vielleicht wichtigste Nachricht der Folge für Krankenhäuser: Eine Bedingung, an der zwanzig Jahre lang gearbeitet wurde, ist weggefallen. Bislang galt dieselbe Reihenfolge – erst ein semantisch sauberes Datenmodell, dann Auswertung, dann Automatisierung. Diese Reihenfolge stimmt nicht mehr.
Aktuelle Modelle arbeiten gut genug mit unstrukturierten Beständen – Sprache, Befunde, Altsysteme –, dass die Strukturierung ans Ende des Prozesses rückt. Und dort übernimmt sie kein Mensch mehr, sondern das Modell selbst, zunehmend in Echtzeit. Über die zwei Jahrzehnte davor urteilt Ludewig nüchtern: ein „gescheitertes Experiment", an dem viel Geld und viele Menschen beteiligt waren. Der Grund war dabei nie Unfähigkeit, sondern Inkompatibilität – strukturierte Datenerhebung passte nie zu den Abläufen im Krankenhaus.
Praktisch heißt das: Wer heute auf eine saubere Datenbasis wartet, wartet auf etwas, das er nicht mehr braucht. Datenqualität bleibt wichtig, aber sie ist Ergebnis statt Vorbedingung. Für jedes einzelne Haus senkt das die Einstiegshürde erheblich.
Was Krankenhäuser jetzt konkret tun können
KI auf die Geschäftsführungsebene holen. Ludewig und Greschke beobachten übereinstimmend, dass das Thema früh an die IT-Leitung delegiert wird. Das ist eine Fehlkategorisierung: Es geht nicht darum, ein Tool zu integrieren, sondern darum, Behandlungs-, Abrechnungs- und Dokumentationsprozesse neu zu ordnen. „Und wenn ihr das denkt, gliedert sich dahinter auch alles andere neu."
Brücken bauen statt Insellösungen. Wenn Radiologie, Dermatologie und Genomik jeweils ihre eigene Applikation fordern, entstehen neue Silos. Gebraucht wird ein Weg, wie Daten im Haus sortiert und Infrastruktur so aufgestellt wird, dass spezialisierte Lösungen andocken können.
Gemeinsam beschaffen. Ludewigs pointierteste Beobachtung: In der Kliniklandschaft wird alles gemeinsam beschafft – OP-Besteck, Essen, alles. „Aber IT bastelt jeder vor sich hin." Im europäischen Ausland gibt es Gesundheitsregionen mit gemeinsamer Infrastruktur und gemeinsamem Datenaustausch, weil der Großteil der Patienten ohnehin regional versorgt wird. Das ist ein Modell, das sich übertragen lässt.
Warum der Druck diesmal zum Treiber wird
Dass sich ausgerechnet jetzt etwas bewegt, hat einen Grund. Drei Entwicklungen laufen gleichzeitig auf Kliniken zu: Die Demografie bringt mehr Patienten und weniger Personal. Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz erhöht den Kostendruck spürbar. Und die Cyberlage hat sich verschoben – das Zeitfenster, um eine Sicherheitslücke zu schließen, ist laut Ludewig von mehreren Wochen über zwei Tage auf inzwischen zwei bis drei Stunden geschrumpft.
Ludewig sieht darin nicht nur eine Belastung: „Wahrscheinlich tut dem System auch ein gewisser Druck gut. Wenn der Druck nicht da ist, ist die Bereitschaft, sich zu verändern, nicht besonders groß."
Der Unterschied zu früheren Reformwellen liegt darin, dass diesmal die Technologie existiert, mit der sich die Probleme tatsächlich adressieren lassen. Greschke beschreibt im Gespräch, wie sich dadurch Sales-Zyklen verkürzen und Häuser aktiv nach Lösungen suchen, statt sie abzuwehren – nach zehn Jahren, in denen Digitalisierung im Krankenhaus oft nur marginale Effekte hatte.
Und warum das am Ende eine gute Nachricht ist
Bei aller Infrastrukturdebatte endet das Gespräch an einer anderen Stelle. Ludewig argumentiert, dass Technologie genau das ermöglicht, was Medizin eigentlich sein sollte: menschlich. Als Wissensquelle stehe längst genug zur Verfügung. Was ein Mensch braucht, wenn er krank ist, sei jemand, der mit ihm bespricht, was die Krankheit mit ihm macht – die Pflegekraft am Bett, die Hebamme. Wenn Dokumentation und Recherche schneller laufen, entsteht dafür Zeit.
In einem Land mit dieser demografischen Entwicklung, so sein Fazit, könne man dem Umstand, dass diese Technologie ausgerechnet jetzt kommt, kaum dankbar genug sein. Sein Rat an alle, die zögern, fällt entsprechend knapp aus: keine Angst davor haben, reinspringen, sich damit beschäftigen. „Es war noch nie so leicht."
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